6.Gerontologisches Forum im Münsterland  

6. Gerontologisches Forum im Münsterland

Das 6. Gerontologische Forum fand am 30.September 2002 als Fachkongress statt. Die Veranstaltung berücksichtigte Vorträge und Diskussionen im Plenum und machte innerhalb von drei thematisch verschiedenen Foren am Nachmittag Angebote in unterschiedlichen Workshops.


Themenstellung

Die soziale Gerontologie definiert Lebensstile älterer Menschen, die sich in Typen kategorisieren lassen. Demnach lassen sich beispielsweise pflichtbewußte und häusliche Ältere von aktiven "neuen Alten" unterscheiden und sicherheits- und gemeinschaftsorientierte ältere und resignierte Menschen im höheren Lebensalter bestimmen. Es stellt sich die Frage, ob die belegbar entstandenen Lebensstile als Ergebnis einer Entwicklung zur Selbstbestimmung zu verstehen sind oder ob sie gar das Produkt des Gegenteils bezeichnen. Letzteres würden die für die pluralisierten Gesellschaften typischen Lebensstile älterer Menschen als Ergebnis einer umgreifenden Fremdbestimmung im höheren Lebensalter verstehen.

Aus sozialhistorischer Perspektive ist die Entwicklung von (pluralen) Lebensstilen selbst als eine Tendenz zu verstehen, die bereits ein erhebliches Maß an individuellen Wahl- und Entscheidungsfreiheiten voraussetzt. In der soziologisch-theoretischen Diskussion wird davon ausgegangen, dass die traditionellen Schicht- und Klassenunterschiede im Sinne einer "Pluralisierung von Lebensstilen" in zunehmendem Maße durch soziale Milieus, polarisierte Lebensstile und Lebensformen abgelöst werden und damit in einem Prozeß der sogenannten Individualisierung eingebunden sind.

Der Zwang zur Entscheidungsfreiheit

Wenn also Entscheidungsfreiheit und Wahlmöglichkeiten Voraussetzung für eine Gesellschaft sind, die über pluralisierte Lebensstile verfügen, könnte dies aus sozial-historischer Perspektive als Indikator für eine gestiegene Selbstbestimmung auch im Alter gedeutet werden. Damit zeichnet sich eine Gesellschaft mit pluralen Lebensstilen im Verhältnis zur früheren Schicht- und Klassengesellschaft auch durch Wahl- und Entscheidungsfreiheiten aus, ohne Rücksicht auf Familienrollen, Geschlechtszugehörigkeit und Kulturzwänge Entscheidungen zu treffen, die einem individualisierten Bewußtsein entsprechen. Als Merkmale dieser Freiheiten können Partnerwahl, Berufswahl, Religionswahl, Art- und Zeitstruktur der Lebensführung und anderes mehr verstanden werden, die sich in spezifische sozialeMilieus ausgeprägt haben.
Die Soziologie hat jedoch belegt, dass diese Merkmale nicht als Belege für die Spaßgesellschaft zu deuten sind, sondern dass die Beziehungen (älterer Menschen) wesentlich durch neue Zwänge gekennzeichnet sind. Diese Zwänge entstehen, indem "die einzelnen ihre Biographie selbst herstellen, inszenieren, zusammenschustern müssen, und zwar ohne die basalen Fraglosigkeiten sichernden, stabilen sozialmoralischen Milieus, die es durch die gesamte Industriemoderne hindurch immer gegeben hat und als >Auslaufmodell< immer noch gibt".

Mit der Zunahme von Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten lassen sich somit gestiegene Potentiale der Selbstbestimmung belegen, die jedoch einen Anstieg an Selbstverantwortung mit sich bringen, der sich auch durch den Zwang zur "Entscheidung" und die Notwendigkeit der "Wahl" ergibt. Die ursprünglichen Fraglosigkeiten traditioneller Lebensführungen hatten durch ihre spezifische Stabilität die Fremdbestimmung über die Schichtzugehörigkeit beziehungsweise soziale Klasse geregelt.

Selbstbestimmung und die Möglichkeit zur Selbstverantwortung

Mit der Möglichkeit zur Selbstbestimmung ergibt sich auch die Notwendigkeit der Selbstverantwortung, die mit dem Zwang zur "Wahl" einen (neuen) Aspekt der Fremdbestimmung in sich birgt. Das 6. Gerontologische Forum geht davon aus, dass der Zwang zur "Wahl" vor allem dann als Verhaltensstruktur des "Fremdbestimmtseins", zu verstehen ist, wenn Wahlmöglichkeiten, Handlungsalternativen und ihre transparente Darstellung als Möglichkeiten der Lebensführung im höheren Lebensalter nicht erkannt werden. Fremdbestimmung ist vor diesem Hintergrund nicht gleichzusetzen mit der notwendigen Hilfe oder Pflege Anderer oder Fremder zur Aufrechterhaltung des eigenen Lebensstils. Nur wenn sich diese fremde Hilfe und Pflege so gestaltet, dass der eigene Lebensstil und eigenen Entfaltungspotentiale eingeschränkt werden, wird die Lebenslage Hilfs- und Pflegebedürftiger eingeschränkt. Ihre Freiheit zur Selbstbestimmung wird reduziert.

Möglichkeiten der positiven Verwirklichung hilfs- und pflegebedürftiger alter Menschen

Jeder Mensch, ob jung oder alt, hilfs- oder pflegebedürftig, hat die Möglichkeit, sich "frei von  >primären Bindungen< zu machen, um sich in einem Prozeß der positiven Verwirklichung", wie Erich Fromm es nennt, "frei zu entfalten". Fromm geht in diesem Zusammenhang jedoch nicht soweit, dass dieses Menschenbild also Entfaltungspotential des Einzelnen aus der "Freiheit von" eine "Freiheit zu" hervorzubringen, an den Einzelnen bindet. Diese Perspektive wird gerade vor dem Hintergrund hilfs- und pflegebedürftiger alter Menschen deutlich, deren Entfaltungspotentiale und Möglichkeiten zu einer "positiven Verwirklichung" durch Einbußen von Mobilität, Orientierung und anderes mehr eingeschränkt sind.
Obwohl Fromm sich nicht auf die Lebenssituation Hilfs- und Pflegebedürftiger bezieht und auch den alten Menschen in seiner Argumentation unberücksichtigt läßt, lassen sich seine weiteren Überlegungen auf die "positive Verwirklichung" älterer beziehen: Fromm geht von einem notwendigen Zusammenspiel mit geschichtlichen, kulturellen und politischen Situationen aus, in der der Einzelne diesen Kampf um Freiheit führt: "Wenn jedoch die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Bedingungen (...) keine Grundlage für die Verwirklichung der Individualität (...) bieten, dann wird die Freiheit zu einer unerträglichen Last. Sie wird dann gleichbedeutend mit Zweifel, mit einem Leben ohne Sinn und Richtung. Es bestehen dann machtvolle Tendenzen, vor dieser Art von Freiheit in die Unterwerfung oder in irgendeine Beziehung zu anderen Menschen und der Welt zu fliehen, die eine Milderung der Unsicherheit verspricht, selbst wenn sie den Menschen seiner Freiheit beraubt." Die Hilfe und Pflege alter Menschen ist wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Bedingungen unterworfen. Sie konkretisiert sich in soziale Beziehungen zu pflegenden Angehörigen und Pflegefachkräften. Einschränkungen, Abhängigkeiten, die sich aus diesen Beziehungen ergeben, sich aus den räumlichen, wirtschaftlichen Bedingungen dieser Pflegesituationen ableiten lassen, können dann als Beiträge zur Fremdbestimmung und zu einem "Leben ohne Sinn und Richtung" führen, wenn sie die Entfaltungspotentiale Älterer einschränken.

Das 6. Gerontologische Forum wollte Wahl- und Entscheidungsfreiheiten und Entfaltungspotentiale in spezifischen Lebensbereichen des höheren Lebensalters aufzeigen und damit die Potentiale der Selbstverantwortung offenlegen, die eine selbstbestimmte Lebensführung garantieren und die "positive Verwirklichung", wie Erich Fromm es nennt, im höheren Lebensalter fördern.